đ„Maischberger Eklat! Precht auf 180 âIch bin entsetzt von MERZ!â
oder MerĂ€rz. Ja, also zackig wie ein Bergkristall und am Ende rund gewaschen war wie ein Bachkiesel. Mir reichtâs jetzt. Plötzlich rastet Precht aus. Unglaublicher Klar in Live Talkshow. Wird er nach dieser Entgleisung jemals wieder in einer Talkshow sprechen dĂŒrfen. Sichtlich aufgebracht hĂ€lt der Philosoph ein flammendes Pledoyer gegen die Regierung und warnt eindringlich.
Die Meinungsfreiheit in diesem Land stirbt und keiner merkt es. WĂ€hrend Precht immer leidenschaftlicher wird, versucht Maisberger verzweifelt, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Doch es ist zu spĂ€t. Das Publikum ist sprachlos. Die Regie steht kurz vor dem Abbruch und im Netz ĂŒberschlagen sich die Reaktionen.
Stimmst du Prech zu? Also, die Ursachenforschung ist gar nicht so einfach, ne? Versucht zurĂŒckzukommen und sagen, was hat sich in der Gesellschaft verĂ€ndert, da sich die Gesetzeslage nur marginal verĂ€ndert hat. Sie hat sich in einigen Punkten verĂ€ndert, aber das ist eigentlich nicht das ganz groĂe Thema, Ă€hm, sondern das ganz groĂe Thema ist, warum sind die sozialen Kosten der MeinungsĂ€uĂerung so sehr gestiegen? Und ich sehe das in einer gewissen Explosion an Normen, das heiĂt also auch ĂuĂerungen, die keine
StraftatbestĂ€nde darstellen, wie z.B. das, was gegen Herrn Schreiber da geschrieben wurde. Das enthĂ€lt Beleidigung, das enthĂ€lt Verunglimpfung, das die Andrung körperlicher Gewalt. Ja, das sind also alles StraftatbestĂ€nde, aber es gibt ja auch Menschen, die sich Ă€uĂern und Ă€hm mit sehr stark, sagen wir mal, vom gegenwĂ€rtigen Mainstream jeweils abweichenden Meinungen, die Angst haben mĂŒssen vor den sozialen Kosten.

Was sind denn soziale Kosten? Was? Also, ich meine Job verlieren haben wir schon gesagt, Bedrohungsszenarien, also was meinen Sie mitz Ja, also wenn man als Person der Ăffentlichkeit gesellschaftliche Ăchtung, man wird vielleicht nicht mehr eingeladen, wenn man bestimmte Positionen bekleidet, Ă€h das kann sein, dass man Arbeitsplatz irgendwo aneckt.
Ja, je nachdem, wo dieser Arbeitsplatz ist. Es gibt sehr, sehr empfindliche ArbeitsplĂ€tze, vor allen im Kulturbetrieb, ja, wo falsche ĂuĂerungen sehr, sehr stark sanktioniert werden. Und der der Grund fĂŒr das Ganze ist meines Erachtens die Schattenseite einer eigentlich positiven Entwicklung. Und das macht die Sache so schwierig, diese positive Entwicklung, die darin besteht, dass wir vor allen Dingen quasi seit Mitte der 60er Jahre eine immer eigentlich freiheitlichere Gesellschaft sind, die sukzessive die Rechte immer
mehr Menschen erkĂ€mpft hat und die die Beteiligung und die Achtung immer weiter ausgedehnt hat, was sehr sehr positiv ist. Meine Eltern gehörten zu den KĂ€mpfern fĂŒr diese Entwicklung mit meinen Adoptivgeschwistern, Anerkennung aller Menschen, Ă€h Gleichberechtigung der Frauen und so weiter. Wunderbare Entwicklung.
Und parallel dazu Sensibilisierung und Emotionalisierung. Du darfst deine GefĂŒhle zulassen, du darfst ĂŒber deine GefĂŒhle reden. Das konnte meinem GroĂvater keiner erzĂ€hlen. Der ging zum FĂŒhlen in den Keller. Jetzt haben wir diese Entwicklung gehabt und die ist ja eigentlich groĂartig. Individualisierung bis hin zu Singularisierung der Gesellschaft. Jeder hat AnsprĂŒche.
Achtsam Achtsamkeit gegenĂŒber dem anderen Individuum einfordern von Achtsamkeit ein hohes MaĂ auch an Aufmerksamkeit fĂŒr das was man ist und was man wie auch immer man ist und wie auch immer man sich zeigen möchte. Das ist die gesellschaftliche Entwicklung seit den 60er Jahren ist eine gute Entwicklung. Die Schattenseite ist, die sensibler und emotionaler Menschen werden, umso verletzlicher werden sie.
Das heiĂt, umso leichter fĂŒhlen sie sich angegriffen. Ich habe das mit so einem Seerosenteich verglichen Seosendilemma. Das hat mir sehr gut gefallen. Ja, also jeder von uns ist sozusagen eine Seerose und die Seerosen werden immer gröĂer. Das heiĂt also unsere SensibilitĂ€t, was wir fĂŒr uns in Anspruch nehmen, wo wir beleidigungsfĂ€hig sind, wo wir uns gekrĂ€nkt fĂŒhlen, wird eben auch immer gröĂer.
Und das freie Wasser dazwischen, der Schwimmraum, der wird allmĂ€hlich zusammengedrĂŒckt und das ist quasi der öffentliche Raum. Das ist der Meinungsraum. Mhm. Ja, wenn alle ganz ganz sensibel ist, kann man fast nichts mehr sagen. Das heiĂt eigentlich jeder darf alles sagen. Die Meinungsfreiheit ist da, aber es ist so etwas, ja, was ist es dann eine Selbstzensur, wenn man Angst hat, dass man eben aneckt und dann macht man es lieber nicht und dann kommen solche Umfragen raus oder was? Genau.
Ja, also man hatte, man weiĂ, man muss vorsichtiger sein, als man noch vor 10 oder vor 20 Jahren sein musste, irgendwelche spontanen Urteile, Meinungen oder sowas rauszulassen oder manchmal auch sehr reflektierte Meinungen, aber wenn es Meinungen sind, die im Augenblick so durch einen in einer starken gesellschaftlichen Affektsituation, wo es also eine sehr aufgeheizte AtmosphĂ€re ist, muss man ganz ganz ganz ganzvorsichtig in der Ăffentlichkeit sein, wie man sich positioniert, um nicht ins gesellschaftliche Abseits gestellt zu
werden. Ich finde interessant, dass Sie einen Unterschied machen zwischen Meinungsfreiheit und Meinungstoleranz. Was ist der Unterschied? Ja, die die Meinungsfreiheit ist eigentlich das, was das Gesetz regelt und da hat sich ja eben gar nicht so viel verÀndert, bis auf ein paar Kleinigkeiten, aber die Meinungstoleranz ist geringer geworden.
Das heiĂt also diese vorhin auch angesprochene Restler hat das gesagt, diese Moralisierung der Gesellschaft, die hat enorm fortgeschritten. Also wir wir haben eigentlich einen fast infantilen Umgang mit Moral in unserer Gesellschaft. Wir wollen ja, dass die Welt gut ist und dass sie gerecht ist und dass alle anderen das gleiche denken wie ich.
Und wenn sie was anderes denken, erlebe ich das als persönlichen Angriff. Ja, und das ist eine ganz unheilvolle Entwicklung, weil so kann dauerhaft eine liberale Demokratie nicht funktionieren. Gleichzeitig gab es natĂŒrlich auch eine Entwicklung, wo dann Menschen, die sich so geĂ€uĂert haben, dass andere sich rassistisch beleidigt fĂŒhlen, dass sie sich das, dass sie das GefĂŒhl hatten, also ĂŒber Antisemitismus mĂŒssen wir da gar nicht reden, aber Leute wie Thomas Gotschig, der ja bei Wetten das aufgehört hat mit diesem mit diesem
Satz, der Grund ist, dass ich immer im Fernsehen das gesagt habe, was ich zu Hause auch gesagt habe. Inzwischen rede ich zu Hause anders wie im Fernsehen und das ist auch keine dolle Entwicklung, dann sage ich lieber gar nichts mehr. Also da ist ja auch ein Lernprozess gewesen, dass man gesagt hat, okay, also das Nwort, das mĂŒssen wir jetzt nicht mehr sagen, wenn wir wissen, es gibt Leute, die das verletzt.
Was ist denn falsch daran eigentlich? Nee, eigentlich ist es gut und es ist auch gut, jedem der das Endwort benutzt, zu sagen, hör mal, ne, dir ist schon bewusst, dass das hier eine Beleidigung ist und als Beleidigung aufgefasst wird und Àh das kannst z.B. sich die Frage ist nicht dasselbe, ob ein 20-JÀhriger das Nwort benutzt oder ein 70 oder 80-jÀhriger.
Ja, ich kenne hinreichend Ă€ltere Menschen, die das Nwort einfach aus Unkenntnis oder aus Gewohnheit weiter benutzen. KinderbĂŒch. Genau. Ja, ich genau. Und eigentlich sogar in meinen noch so und die Sache ist die Frage ist in welchem AusmaĂ skandalisiere ich das? Es gibt ja einen Unterschied zwischen dem Hinweis, du hör mal auf damit, ja oder das eine ganz ganz groĂe Glocke zu hĂ€ngen.
Wir hatten mal den Fall eines CSUPers, der sogar ein AnfĂŒhrungszeichen quasi in einer Talkshow gesagt hat. Roberto Blanco, glaub ich. ĂŒberanco. Genau. Und der das [musik] quasi genau und als Zitat eigentlich versuchte kenntlich zu machen und dem das dann Wochen oder Monate lang um die Ohren gehauen wird.
Also es ist ein Unterschied zu sagen, was ich völlig richtig finde, benutzt das nicht unter jemanden dann als das letzte und unmögliche und Rassisten zu diskreditieren. Da steht in keiner Relation zueinander. Das heiĂt, wir wir arbeiten mit mega Etikettierungen. Ja. Und das ist nicht gut fĂŒr dich. Ich springe auf das Ende des Buches, wie kommen wir da raus? Resilienz.
So und Resilienz ist jeder Manns Lieblingswort. Damit macht man sich beliebt, wenn man das sagt. Und dann denkt jeder, wenn jeder mal so schön bei sich anfĂ€ngt und sich ein dickeres Feld zulegt, dann gehen wir wieder gut miteinander um. Das ist das Wort vom Sonntag. So, fĂŒr mich ist viel wichtiger, dass diese Resilienz an den verantwortlichen Stellen ist.
Mhm. Also, dass die dies auf der Ebene der der Verlagsleiter, der Ausstellungsmacher und so weiter, gerade im Kulturbetrieb ist das Moralisieren sehr sehr sehr sehr stark, noch stĂ€rker als in der Politik, dass also diese Leute sich, wenn irgendjemand was gemacht hat, auch hinter dahinter stehen und sagen, ja komm, fĂŒnf gerade sein, lass das frĂŒher auch war und nicht sofort anfangen Angst um sich selbst zu haben.
Also der Angst wird nicht durch jeden einzelnen ausgelöst, sondern es ist vor allen Dingen die Angst der VerantwortungstrĂ€ger. Da da kann ich ja nur das sagen, was ich vorhin gesagt habe. Welchen Weg sind wir seitdem positiverweise gegangen? Ja, wir mĂŒssen uns nur so ehrlich machen, dass auch ein positiver Weg unbeabsichtigte Schattenseiten haben kann, wo wir uns auch ehrlich machen mĂŒssen.
Wie blicken ihre Eltern Ă€hm heute auf die linke Szene? Auf die Linken, auf die GrĂŒnen? Gut, meine Eltern leben noch, aber sind in sehr fortgeschrittenem Alter und Ă€h ich weiĂ, dass meine Mutter sich damals ĂŒber das Aufkommen der GrĂŒn als linkerpartei sehr gefreut hat und irgendwann waren meine Eltern beide von den Linken mehr als enttĂ€uscht und ich glaube auch der letzte Schritt, dass heute in den Umfragen die WĂ€hler der GrĂŒnen diejenigen sind, die am stĂ€rksten fĂŒr AufrĂŒstung sind und am stĂ€rksten fĂŒr militĂ€rische UnterstĂŒtzung fĂŒr die
Ukraine und am weitesten vonpazifistischen Gedanken entfernt, das empfinden meine Eltern sicherlich also vorsichtig ausgedrĂŒckt als Verrating Ideal. Sie haben Sie haben neulich etwas Interessantes in der Tatz gesagt, was ihre eigene Sicht auf die GrĂŒnen angeht. Sie haben gesagt, also was den Klimaschutz angeht, sehen Sie gar keinen Unterschied mehr zwischen Trump, Habbeck und MĂ€rz.
Na ja, also ein wesentlichen Punkt und darauf bezog sich das. Ja, haben Sie Moment lang gedacht, wie das wĂ€re, wenn man selber politische Verantwortung trĂ€gt und eben Kompromiss ma wollten Sie in die Politik gehen? Gen nee, warum nicht? Ich erstmal wĂŒsste ich nicht in welche Partei die GrĂŒnen wĂ€ren es nicht wie sie sich jetzt senken können.
Die Linke. Ich fĂŒhle mich in keiner einzigen Partei so, dass ich sagen wĂŒrde, das spiegelt jetzt genau das, was ich ĂŒber die Gesellschaft denke oder so weiter wieder. Das wĂ€re das erste ganz groĂe Problem. Es gibt ganz viele Parteien. Das zweite Problem ist, ich hab ich hab ich habe ja in meinem Leben gesehen, wie alles in die Politik gegangen ist und wer als Idealist angefangen ist.
Ja, also zackig wie ein Bergkristall und am Ende rundaschen war wie ein Bachkiesel. Und das war eine Entwicklung, die wollte ich selber persönlich nicht machen. AuĂerdem glaube ich, dass es manchmal kann man aus der Kommentatorenperspektive stĂ€rker auf die Politik einwirken, als wenn man selber AmtstrĂ€ger ist. Aber irgendjemand muss es tun.
Und jetzt kommen wir noch mal zurĂŒck zu ihrem Buch. Was glauben Sie, die Politik heute, die Politiker heute, haben die es schwerer oder leichter mit ihren Standpunkten dann eben durchzudringen? Ja, ist fast unöglich. Also, sie machen immer noch und das entsetzt mich jedes Mal gewaltige Versprechen. Jetzt kommt der ganz groĂe Politikwechsel.
Ja, das hat Ă€h das hat damals Ă€h Scholz und die GrĂŒnen auch und so weiter. Wir haben noch vier Jahre und was mĂŒssen wir alles umbauen wegen des Klimawandels und so dann ist fast nichts davon passiert oder MĂ€rz, der jetzt die ganz ganz groĂe WĂ€nde und ganzen Politikwechsel, Richtungswechsel ja und jeder weiĂ ja, wenn ein gewisses Alter erreicht hat, ja, davon kommt am Ende fast nichts rĂŒber.
Immer ist jede neue Regierung die schlechteste, die wir je hatten. Ja, und ich habe schon schon als MÀrz gewÀhlt wurde gesagt, es dauert nur noch ein paar Wochen, ja, und man wird hier noch schlimmer als Olaf Scholz finden, weil die die EnttÀuschung programmiert ist und tatsÀchlich sind die HandlungsspielrÀume der Politik durch den Angstillstand, den ich beschreibe.
Ja, jeder der sich ein StĂŒck aus dem Fenster lehnt, um es in den Bild zu bringen, ja, der italo-Western Regisseur Sergio Lione hat mal auf die Frage, was einen italienischen Western amerikanischen Western unterscheidet, gesagt, wenn bei John Ford jemand aus dem Fenster guckt, hat er den Blick in eine strahlende Zukunft. Mhm.
Und wenn bei mir jemand aus dem Fenster guckt, dann weiĂ jeder, der wird jetzt erschossen. Ja, und so Ă€hnlich war das mit Visionen in der Politik frĂŒher und so ist das mit Visionen in der Politik heute. Ein einen letzten [applaus] Blick auf das, was dann stattdessen passiert. Social Media ist ein Feld, wo man ĂŒberzeugen muss manchmal gar nicht mit politischen Inhalten. Z.B.
Marcus Söder macht das immer. Ich werde jetzt mal gleich richtig reinweisen. FrĂ€ schon noch mit Essen. Dann sehen wir aber auch Annalina Berbock in New York. Wir sehen dann den AuĂenminister Johann Wful, wie er Tarotkarten legt und Heidi Reichenckt hant. Das ist jetzt keine politische Kommunikation, aber offensichtlich muss man es machen.
Sind Sie milde? Muss man nicht machen. WĂŒrde ich niemals tun. doch statt den Leuten was zu versprechen einfach tanzen. Ja, ich weiĂ, das kommt kurzfristig irgendwo an, aber ich wĂŒrde das als Politiker nicht machen. Ich finde das wĂŒrdel, dass man sich auf die Art und Weise versucht zu verkaufen, als wĂ€ man ein Marketing aber wollen sie dann TikTok den anderen ĂŒberlassen, die dann einfach erfolgreich sind? Ich meine, die sozialen Medien kennen auch Formate, in denen man sich lang und ausfĂŒhrlich Ă€uĂern kann. Man muss das
nicht unbedingt auf die Ebene von von Essen und Tanzen runterbrechen. Na gut, mal sehen, was davon hÀngt. Abgesehen von der Kritik an MÀrz hat Precht das dunkle Geheimnis angesprochen, welches viele in unserem Land nicht wahrhaben wollen. Wir reden oft von Freiheit, doch selten davon, was sie kostet.
In Deutschland wird die Meinungsfreiheit nicht ĂŒber Nacht abgeschafft, sondern langsam, still und bequem. Wer heute etwas sagt, das nicht in den Mainstream passt, riskiert kein GefĂ€ngnis. Aber etwas, das in unserer Gesellschaft fast genauso wirksam ist. Ausgrenzung, Defierung und digitale Ăchtung. Statt offen zu streiten, ziehen wir uns in Blasen zurĂŒck.
Moral ersetzt Argumente. Empörung ersetzt Diskussion. Der öffentliche Diskurs wird enger, nicht durch Gesetze, sondern durch sozialen Druck. Medien, Politik undKonzerne bestimmen zunehmend, was als vertretbar gilt. Doch echte Demokratie braucht Widerspruch. Sie lebt von unbequemen Stimmen, von Irrtum, Zweifel und Streit.
Wenn wir anfangen, nur noch das Sagbare zu schĂŒtzen und nicht mehr das Unsagbare zuzulassen, verlieren wir das Fundament, auf dem unsere Freiheit steht. M.