Mit 69 Jahren nennt Juliane Werding die vier Dinge, die sie niemals vergeben hat
[Applaus] [Musik] Es gibt Stimmen, die eine ganze Generation prägen und es gibt ein Schweigen, das lauter ist als der dröhnendste Applaus. Im hellen Rampenlicht der 70er Jahre war sie beides. Eine Stimme und ein Schweigen. Juliane Werding. Für Millionen war ihr Name mehr als nur Musik. Sie war ein Leuchtturm in einem Meer aus oberflächlicher Fröhlichkeit.
In einer Zeit, in der die deutsche Schlagerwelt unbeschwerte Lieder über Liebe und Urlaub sang, wagte sie es in die Abgründe der Seele zu blicken. Ihre Lieder waren keine einfachen Melodien. Es waren Spiegelbilder für die Ängste, Hoffnungen und unausgesprochenen Sorgen einer ganzen Generation. Sie wurde zur Ikone der Nachdenklichkeit eine Künstlerin, deren fast zerbrechliche Erscheinung eine ungeheure Stärke verbarg.
Jeder Ton eine Offenbarung, jede Zeile ein Riss in der Fassade der perfekt inszenierten heilenwelt. Doch was geschieht, wenn die Stimme, die für andere Wunden besinkt, ihre eigenen, nicht mehr heilen kann? Was passiert, wenn der Applaus nicht mehr wärmt, sondern erstickt? Wie konnte ein Stern, der so hell und einzigartig am deutschen Musikhimmel strahlte, sich ganz bewusst für die Dunkelheit entscheiden und für das Vergessen? Dann Stille, ein abruptes Ende, ein bewusstes Verschwinden.
Jahrzehntelang blieb die Bühne leer, die Mikrofone kalt und die Fragen der Öffentlichkeit unbeantwortet. Ein Rätsel, das mit den Jahren nur größer wurde. Bis zu diesem einen Tag. Im Alter von 69 Jahren, in der abgeschiedenen Ruhe eines Lebens, weit entfernt vom Lärm der Industrie, bricht Juliane Werding ihr langes Schweigen.
Nicht mit einem neuen Lied, sondern mit einer leisen, aber unerbittlichen Abrechnung. In einem alten Notizbuch, dessen Seiten die Jahrzehnte überdauert haben, hält sie die Namen fest. Nicht nur die Namen von Menschen, sondern von Mächten, von Systemen und von Gefühlen, denen sie nie vergeben hat.
Es sind vier Wunden, vier tiefe Narben auf der Seele einer glänzenden Karriere. die sie letztlich zwangen, ein Leben zu beenden, um ein anderes beginnen zu können. Wer oder was hat ihr die reine Freude an ihrer eigenen Kunst genommen? Und warum musste die Künstlerin Juliane Werding sterben, damit der Mensch Juliane Werding endlich überleben konnte? Ihre Geschichte ist nicht nur die eines gefallenen Stars, es ist die Geschichte einer selbstgewählten Flucht, die Flucht aus einem goldenen Käfig, dessen Gitterstäbe aus Applauserwartungen und fremden Träumen geschmiedet waren. Und heute hören wir zum ersten Mal ihre Wahrheit. Wir schreiben das Jahr 1972: “Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Land im Taumel des Wirtschaftswunders. Ein Land, das nach vorne blickt, um die Schatten der Vergangenheit zu vergessen. Die deutsche Musikszene dieser Zeit ist der perfekte Soundtrack für diese kollektive Verdrängung. Es ist die goldene Era des Schlagers, ein unendlich scheinendes Fest aus bunten Farben,
sorglosen Melodien und Texten, die von einer heilen Welt erzählen. Man singt von griechischem Wein, von Liebe ohne Leiden und von der Fiesta Mexikaner. Es ist eine Welt ohne Probleme, eine Flucht in den Optimismus. Und dann plötzlich durchbricht eine Stimme diese perfekt inszenierte Harmonie.
Eine junge, klare, fast zerbrechliche Stimme. Sie singt nicht von Sommer, Sonne und Strand, sie singt vom Tod. Mit gerade einmal 16 Jahren und dem Lied Am Tag, als Connie Kramer starb, wird Juliane Werding über Nacht zu einer Sensation. Unter der Regie des erfahrenen und einflussreichen Produzenten Hans Ulrich Weigel entsteht mehr als nur ein Nummer 1 Hit.
Es ist ein kultureller Donnerschlag. Zum ersten Mal spricht ein Lied im Mainstream das aus, was unter der glänzenden Oberfläche der Gesellschaft brodelt. Die wachsende Angst vor dem Drogenproblem, die eine ganze Generation junger Menschen bedroht. Das Lied ist kein Schlager. Es ist eine Ballade des Schmerzes, eine Chronik des Verlustes.
Juliane Werding ist plötzlich nicht nur ein Star, sie ist ein Symbol, sie ist die Stimme des Widerspruchs, die notwendige Dissonanz in einer ansonsten stromlinienförmigen Musiklandschaft. Ihre Konzerte verwandeln sich schnell in etwas Besonderes. Es sind keine ausgelassenen Schlagerpartys, es sind beinahe Andachten.
Die Menschen kommen nicht nur um zu hören, sondern um zu fühlen. Jede ihrer Vorführung ist ein Balsam für ein Land, das unter der Decke des Konsums noch immer seine Narben spürt. Sie beweist schnell, dass sie kein One Hit Wonder ist. 1975. Nur 3 Jahre nach ihrem Durchbruch gewinnt sie mit Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst, die prestigeträchtige goldene Europa.
Ein weiterer Meilenstein, der ihren Status als feste Größe zementiert. Doch ihr Weg führt sie immer weiter weg vom kommerziellen Mainstream tiefer hinein in die Nischen der anspruchsvollen Musik. In den 80er Jahren erreicht ihre künstlerische Entwicklung einen neuen Höhepunkt.
Mit Alben wie Sehnsucht ist unheilbar. Aus dem Jahr 1986 und Liedern wie Stimmen im Wind wird ihre Musik noch tiefgründiger, fast esoterisch. Sie singt über Wiedergeburt, über Schicksal und die unsichtbaren Kräfte, die unser Leben lenken. Sie wird zur Philosophin des deutschen Chanons. Die Öffentlichkeit erschafft sich ihr eigenes festes Bild von ihr.
Sie ist der Engel mit der traurigen Stimme, die weise alte Seele im Körper einer jungen Frau. Ein Idealbild, perfekt, unantastbar und scheinbar über alle menschlichen Schwächen erhaben. Deutschland liebt sie für ihre Tiefe, ihre Ernsthaftigkeit und ihre scheinbare Unverletzlichkeit. Ihre Lieder werden zu Soundtracks für unzählige Lebensgeschichten.
Sie ist die tröstende Freundin aus dem Radio, die man nie persönlich getroffen hat, die aber trotzdem alles zu verstehen scheint. Doch während die Menge applaudiert und die Kritiker sie feiern, spürt sie es zum ersten Mal. Das immense, fast erdrückende Gewicht, ein Symbol zu sein. Die anfängliche Freude über den Erfolg, die kindliche Aufregung verwandelt sich langsam in einen leisen, aber stetig wachsenden Druck.
Der Druck immer die Tiefgründige zu sein, immer die Seelsorgerin, immer die Starke. Sie ahnt noch nicht, dass das strahlendste Licht unweigerlich die dunkelsten Schatten wirft. Und genau in diesem Schatten beginnt ein anderes Kapitel ihrer Geschichte. Ein Kapitel, das im Verborgenen geschrieben wird: “Weit weg von den Augen der Welt”.
Während Deutschland Juliane Werding auf den Fernsehbildschirmen lächeln sieht und ihre tiefsinnigen Texte bewundert, spielt sich hinter den Kulissen eine völlig andere Realität ab. Eine Realität aus unendlich langen Arbeitstagen, undurchsichtigen Verträgen und einem schleichenden Verlust der eigenen Identität.
Der allererste Vertrag, den sie als 16-Jährige unterschrieb, war kein Sprungbrett in die künstlerische Freiheit. Er war ein Netz, ein feines, aber unzerreißbares Gespinst aus juristischen Klauseln, dass ein junges Mädchen, das gerade den Tod eines Freundes betrauert hatte, kaum verstehen konnte. Dieses Dokument gab ihr nicht die Kontrolle. Es nahm sie ihr.
Es legte ihre Zeit, ihr Einkommen und am allerschlimmsten ihre kreative Stimme in die Hände anderer. Die Maschinerie der Musikindustrie hatte sie erfasst und diese Maschinerie war darauf ausgelegt, zu nutzen, nicht zu fördern. Sie diktierte gnadenlos den Takt. Die Männer in den teuren Anzügen, die Produzenten und Manager, sahen in ihr weniger ein sensibles Talent, dass man behutsam aufbauen musste.
Sie sahen ein Produkt, ein einzigartiges Produkt, dass man formen und maximal vermarkten konnte. Insbesondere gab es diesen einen mächtigen Produzenten im Hintergrund, den Schatten hinter dem Thron, der ihre Karriere von Anfang an lenkte. Ein Mann, der es meisterhaft verstand, ihren authentischen jugendlichen Schmerz in pures Gold zu verwandeln.
Er drängte sie immer wieder zu Liedern, die sie innerlich ablehnte, die aber seiner Formel für Erfolg entsprachen. Er lehnte ihre tiefgründigsten, persönlichsten Songideen ab, oft mit der kalten, unanfechtbaren Begründung. Sie seien nicht kommerziell genug. Ihre natürliche Melancholie wurde zu einer kalkulierten Marke.
Marke, die sich hervorragend verkaufte und so wurde sie, ohne es anfangs zu bemerken, zur Gefangenen ihres eigenen fremdgesteuerten Images, während ihre Altersgenossen zur Schule gingen, sich zum ersten Mal verliebten, den Führerschein machten und die Freiheit hatten, ungestört Fehler zu begehen, verbrachte Juliane ihre entscheidenden Jugendjahre in kalten klimatisierten Aufnahmestudios und anonymen Hotelzimmern.
Es gab keine Zeit für eine normale Ausbildung, keine Zeit für unbeschwerte Freundschaften, die nicht von ihrem Ruhm überschattet wurden. Ein normales Leben wurde zu einem unerreichbaren Luxus. selbst die Familie, die ein Schutzschild hätte sein sollen, war oft selbst Teil des Systems. Vielleicht waren sie geblendet vom plötzlichen Glanz des Erfolgs.
Vielleicht waren sie einfach überfordert mit der Wucht einer Industrie, deren ungeschriebene Gesetze sie nicht kannten. Das leise Gefühl des Verrats oder zumindest des alleingelassen seins wurde zu einem stillen, ständigen Begleiter. Und dann war da die Öffentlichkeit, das Publikum, das sie aufrichtig liebte, aber auf eine fordernde Weise auch besie der Engel sein, immer verständnisvoll, immer weise, immer perfekt.
Ein einziges falsches Wort in einem Interview, einziges Foto zur falschen Zeit hätte genügt und das markellose Bild wäre für immer zerbrochen. Dieser Druck war unermesslich. Das Lächeln auf der Bühne wurde zur schwersten Maske der Welt. Hinter dem tosenden Applaus wuchs die ohrenbetäubende Einsamkeit.
Hinter dem Ruhm die tiefe seelische Erschöpfung. So vertiefte sich die Kluft zwischen der Ikone Juliane Werding, die alle kannten, und dem Menschen Juliane, den niemand mehr sah. Die eine strahlte im Licht, die andere schrie lautlos in der Dunkelheit. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis eine von beiden zerbrechen musste.
Ende der 80er Jahre verändert sich Deutschland in einem rasanten Tempo. Ein neuer Wind weht durch das Land. die Berliner Mauer bröckelt und mit ihr die alten Gewissheiten. Die Welt wird lauter, schneller, elektronischer. Die Klänge von Synthesizern und englischsprachigen Pop dominieren die Charts.
Die leisen, nachdenklichen, fast meditativen Töne von Juliane Werding scheinen plötzlich nicht mehr in diesen neuen lauten Zeitgeist zu passen. Ihr großer Skandal war die Stille. Es gab keinen lauten Knall, keine schmutzigen Schlagzeahlen über Drogenexzesse oder private Affären. Ihre Tragödie war viel subtiler und dadurch umso grausamer.
Es war die Tragödie der leisen, schleichenden Gleichgültigkeit. Der Moment, in dem Industrie, die dich gestern noch vergöttert hat, dich heute einfach übersieht. Ein neues Album, in das sie vielleicht mehr Herzblut und persönliche Offenbarung gesteckt hat, als in jedes zuvor, erfüllt die kommerziellen Erwartungen der Plattenfirma nicht.
Die Verkaufszahlen stagnieren, die Radiosender, die ihre Lieder eins drauf und runter spielten und damit das Lebensgefühl von Millionen prägten, setzen nun auf die neuen tanzbaren Hits. Ihre anspruchsvolle Musik wird als schwierig und nicht mehr zeitgemäß abgetan. Das Rampenlicht wurde nicht plötzlich ausgeschaltet.
Es wurde einfach langsam und unbarmherzig von ihr weggedreht. Die Anrufe der einst so schmeichelnden Manager und Produzenten wurden seltener. Die Einladungen zu den großen Samstagabendshows im Fernsehen blieben aus. Die Branche, die sie einst auf einen Thron gehoben hatte, wandte sich ab.
Ohne ein Wort des Abschieds, ohne eine Erklärung. Es war kein offener Verrat, der eine Wunde hinterlässt, die man sehen kann. Es war etwas schlimmeres. Es war desinteresse. Das Publikum, das sie einst liebte, vergaß sie nicht. Aber es wurde abgelenkt von neuen Gesichtern, neuen Klängen, neuen Sensationen.
Juliane Werding war nun gefangen in ihrem alten Image des tiefsinnigen melancholischen Engels. Doch plötzlich schien niemand mehr diese Botschaft hören zu wollen. Diese wachsende Bedeutungslosigkeit traf sie härter, als jede offene Kritik es je gekonnt hätte. Sie fühlte sich im Stich gelassen, nicht nur von der Industrie, sondern von der Zeit selbst.
Orientierungslos in einer Welt, die ihre leise Sprache nicht mehr verstehen wollte. Sie weigerte sich, sich neu zu erfinden, ihre Seele für einen billigen kommerziellen Hit zu verkaufen. Stattdessen zog sie sich immer weiter zurück. Jede abgesagte Tournee, jede leere Seite in ihrem Terminkalender war ein weiterer Nagel für den Sarg ihrer öffentlichen Person.
Die Stille der Industrie wurde zu ihrem persönlichen Gefängnis. Der Applaus war verklungen und in dieser ohrenbetäubenden Stille danach hörte sie zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder ihre eigene echte Stimme und diese Stimme flüsterte ihr nur ein einziges klares Wort zu. Flie. Es ist ein ruhiger Raum, vielleicht das Wohnzimmer ihres Hauses in Starnberg.
Kein Scheinwerferlicht, keine große Bühne, kein tosender Applaus, nur das sanfte Tageslicht, das durch ein Fenster fällt und das leise fast unmerkliche Surren einer einzigen Kamera. Dies ist keine Inszenierung für ein Millionenpublikum. Es ist ein intimes Gespräch und zum ersten Mal bestimmt sie die Regeln.
Juliane Werding im Alter von 69 Jahren. Ihre Augen sind klar, ihre Haltung ist aufrecht und entspannt. In ihren Händen hält sie ein altes ledergebundenes Notizbuch. Ein Relikt aus einer anderen Zeit. Es ist kein Requisit. Es ist das Lockbuch ihrer Verletzungen. Ihre Hand zittert nicht, als sie es aufschlägt.
Sie ist gefasst, entschlossen, nicht mit der kalten Wut der Rache, sondern mit der ruhigen Kraft einer Frau, die ihren Frieden mit der Vergangenheit macht, indem sie sie benennt. Und dann beginnt sie zu sprechen. Ihre Stimme ist ruhiger als früher, tiefer vielleicht, aber sie trägt ein Gewicht, dass sie nie zuvor hatte.
Das erste, dem ich nie vergeben habe, ist die Maschine, die seelenlose, profitorientierte Industrie, die den echten rohen Schmerz eines 16-jährigen Mädchens nahm und ihn kaltblütig zu einem Produkt machte. Sie zwang mich, meine tiefste Wunde immer und immer wieder aufzureißen, Abend für Abend auf unzähligen Bühnen nur weil das Lied sich gut verkaufte.
Sie hat meinen Schmerz kommerzialisiert und ihn mir gleichzeitig abgesprochen. Ich wurde zum Geist meiner eigenen Trauer. Das zweite ist der Schattenmanager, jener Mann, der mir Verträge vorlegte, deren Tragweite ich als junges Mädchen unmöglich ermessen konnte, der mir väterlich auf die Schulter klopfte, während er meine eigenen Lieder und Ideen als naiv oder nicht radiotauglich abtat.
Er nahm mir nicht nur mein Geld, er beraubte mich etwas viel wichtigerem, der Freiheit als Künstlerin zu wachsen, Fehler zu machen und meinen eigenen Weg zu finden. Er hat meine Kreativität nicht gefördert. Er hat sie erstickt und durch eine Formel ersetzt. Das Dritte sind die gierigen Medien, die Paparazzi, die wie Jäger vor meinem Fenster lauerten, die Zeitungen, die Schlagzeilen erfanden und mein Privatleben als allgemeingut behandelten.
Ich erinnere mich an Momente tiefster persönlicher Trauer, in denen der Blitz einer Kamera durch den Vorhang zuckte. Sie respektierten nicht den Menschen hinter der Ikone. Sie sahen nur eine Ware, eine Story, die sich verkauft. Sie haben meine Privatsphäre nicht nur verletzt, sie haben sie geschlachtet. Sie macht eine Pause.
Ein langer bewusster Atemzug. Der schwerste Name kommt zum Schluss. Und das vierte, dem ich am schwersten vergeben kann, bin ich selbst. Jenes junge Mädchen von damals, das zu verängstigt war, um nein zu sagen, das lächelte, wenn es schreien wollte, das den Applaus mehr fürchtete als die Stille, aber nicht wusste, wie man den goldenen Käfig verlässt.
Ich habe zugelassen, dass sie mich zu etwas machen, dass ich nicht war, weil ich dachte, ich hätte keine andere Wahl. Die Worte hängen in der Luft. Schwer, ehrlich. Endgültig. Die Enthüllung löst eine Welle aus, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern im Raum selbst. Ein Moment von seltener, schmerzhafter Authentizität, von Schock, von Unglauben, aber vor allem von einem tiefen menschlichen Mitgefühl.
Es ist kein Akt der Rache, es ist ein Akt der Befreiung, indem sie die Namen ihrer Dämonen laut ausspricht, nimmt sie ihnen endgültig die Macht. Die Geschichte von Juliane Werding wird nicht länger von anderen geschrieben. An diesem Tag beginnt sie sie selbst zu erzählen. Die Geschichte von Juliane Werding ist am Ende nicht nur ihre eigene, sie ist ein leises, aber eindringliches Echo der unzähligen, vergessenen Stimmen, die hinter den glänzenden Kulissen der Unterhaltungsindustrie für immer verstummt sind. Ihre Geschichte steht für all die Künstler, die zu Produkten gemacht wurden. Für die Kinderstars, deren Jugend man auf dem Altar des Ruhms geopfert hat und für all jene, deren sensible Seele von der unerbittlichen Maschinerie zermalen wurde. Ihr Mut, nach so langer Zeit zu sprechen, stellt uns allen grundlegende und unbequeme Fragen. Was wäre, wenn die Industrie diese außergewöhnlichen Talente als Menschen behandeln würde und nicht nur
als eine Ware mit einem Verfallsdatum? Was wäre, wenn wir den Schutz ihrer Seelen über den Profit stellen würden? Und sind wir als Publikum wirklich bereit zuzuhören? Auch dann noch, wenn die Lichter der großen Shows längst erloschen sind und die Gesichter auf den Plakaten verblassen? Die Wunden, die Juliane Werding so mutig aufzeigt, sind keine Einzelfälle.
Sie sind die systemischen Krankheiten einer Branche, die oft den Applaus mehr schätzt als den Menschen, der ihn empfängt. Eine Branche, die Seelen verbraucht, sie auslaugt und sie dann im Schweigen und in der Vergessenheit zurücklässt. Ihre endgültige Flucht in ein Leben als Heilpraktikerin war deshalb mehr als nur ein bemerkenswerter Karrierewechsel.

Es war ein stilles, aber unmissverständliches Urteil über diese Welt. Eine bewusste Entscheidung für das Echte, das Heilsame, das Menschliche und eine radikale Abkehr vom Oberflächlichen und künstlichen. Heute hören wir ihre Geschichte nicht um nur in Nostalgie zu schwelgen oder uns zu erinnern, sondern um zu verstehen und vielleicht um uns zu verändern.
Ihre Abrechnung sucht nicht nach Rache oder Mitleid, sie sucht nach Wahrheit und nach der Wiederlangung der eigenen Erzählung. In ihren eigenen letzten Worten, die das Wesen ihres langen Weges zusammenfassen, findet sich die ultimative Botschaft. Ich suche keine Vergebung. Ich möchte nur, dass meine Geschichte nach all den Jahren endlich mit meiner eigenen Stimme erzählt wird. M.