Vom “Schnodderdeutsch” zur Legende: Rainer Brandt packt über Bud Spencer, Elvis und die goldenen Jahre des Synchrons aus
Es gibt Stimmen, die erkennt man unter Tausenden. Stimmen, die einen sofort in eine bestimmte Zeit zurückversetzen, die Bilder von rauchenden Colts, schlagkräftigen Duos und charmanten Gaunern heraufbeschwören. Rainer Brandt ist nicht nur eine dieser Stimmen – er ist eine Institution. In einem bemerkenswert offenen und humorvollen Interview blickt die Synchron-Legende nun auf ein Lebenswerk zurück, das die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft für immer geprägt hat. Wer dachte, Synchronisation sei nur das bloße Ablesen von übersetzten Texten, der wird von Brandt eines Besseren belehrt. Seine Geschichte ist eine Reise durch die Filmgeschichte, voller Zufälle, Chuzpe und einer gehörigen Portion Berliner Schnauze.

Alles begann, wie so oft im Leben, mit einem Missverständnis. Der junge Rainer Brandt, damals wohnhaft bei einer italienischen Sängerin in Berlin, wurde von dieser zu einer Filmfirma in Lankwitz geschickt. „Geh doch mal hin, du bist so ein süßer Junge“, hatte sie gesagt. Brandt, der eigentlich gar nicht genau wusste, was ihn erwartete, landete vor dem Pförtner der Mosaik Film. In der Annahme, es handele sich um Jobs für Beleuchter, stolperte er in die Welt der Synchronisation. Ein Regisseur suchte zufällig einen jungen Mann, der „auf die Lippe“ synchronisieren konnte – also lippensynchron sprechen. Brandt, ohne jede Erfahrung, aber mit viel Instinkt, sah sich die Szene mit Humphrey Bogart an, machte es nach und hatte den Job. Es war der Startschuss für eine Karriere, die ihn zur deutschen Stimme von Weltstars wie Jean-Paul Belmondo, Tony Curtis und sogar Elvis Presley machen sollte.
Apropos Elvis: Brandt erinnert sich noch gut an seine erste große Rolle für den „King“. In dem Film „Pulverdampf und heiße Lieder“ (Original: Love Me Tender) lieh er Elvis seine Stimme. Die interne Bezeichnung für den Rockstar war damals „Erwin Prießnitz“ – ein Running Gag unter den Kollegen. Auf die Frage, wie er Elvis als Schauspieler fand, antwortet Brandt mit der ihm eigenen Trockenheit: „Bedingt.“ Doch er räumt ein, dass Presley eine ungeheure Aura hatte, etwas, das man nicht lernen kann. Auch die Beatles kreuzten seinen Weg, noch bevor die „Pilzköpfe“ Weltruhm erlangten. In Hamburg, im legendären Star-Club, traf Brandt die Band durch einen Zufall. Es roch nach Bier und Schweiß, der Laden war brechend voll, und die Jungs aus Liverpool waren „ganz nett, ganz bescheiden“ und tranken keinen Alkohol. Wenig später sprach Brandt dann John Lennon im ersten Beatles-Film. Es sind diese Begegnungen, die zeigen, wie nah Brandt am Puls der Zeit war.

Doch seinen wahren Kultstatus erreichte Rainer Brandt nicht durch das bloße Nachsprechen, sondern durch das Neuschreiben. Er ist der Erfinder des sogenannten „Schnodderdeutsch“. Diese einzigartige Mischung aus Berliner Dialekt, Jiddisch und völlig freier Improvisation rettete so manchen Film vor dem Untergang. Das berühmteste Beispiel ist die Serie „Die Zwei“ mit Tony Curtis und Roger Moore. Während die Serie im englischen Original floppte, wurde sie in Deutschland zum Straßenfeger – dank Brandt. Er schrieb die Dialoge komplett um, baute Witze ein, wo keine waren, und ließ die Protagonisten Sprüche klopfen, die heute legendär sind.
Brandt erzählt köstlich amüsiert von einer Begegnung mit Tony Curtis. Der Hollywood-Star wollte wissen, warum die Serie in Deutschland so ein Hit war. Als Brandt ihm erklärte, dass er praktisch alles neu geschrieben hatte, lachte sich Curtis kaputt. Er wollte Brandt sogar für die US-Drehbücher verpflichten, doch die Egos der beiden Hauptdarsteller Curtis und Moore standen einer Fortsetzung im Weg. Auch beim ZDF, dem damaligen Sender, eckte Brandt anfangs an. Ein Redakteur wollte die lockeren Sprüche streichen lassen. Brandts Reaktion war typisch: „Wenn du so ein Ding noch mal sagst, nehme ich dir die Zähne raus.“ Er setzte sich durch, und der Erfolg gab ihm recht. Zwei Wochen später sprach ganz Deutschland seine Sprache.

Auch die Filme von Bud Spencer und Terence Hill verdanken ihren Kultstatus in Deutschland maßgeblich Rainer Brandt. Er machte aus den oft brutalen und wortkargen Western-Parodien lachende Schlagabtausche. Die Zusammenarbeit im Studio beschreibt er als ein Fest. Anders als heute, wo jeder Sprecher einzeln in einer Kabine steht (X-Takes), standen damals alle zusammen vor dem Mikrofon. Man hörte den Partner, reagierte aufeinander, lachte zusammen. „Wenn fünf Leute da waren, standen fünf Leute vorm Mikrofon“, erinnert sich Brandt wehmütig. Diese Dynamik, dieses gemeinsame Spiel, ist es, was den alten Synchronisationen ihre Lebendigkeit verleiht. Für die heutige Arbeitsweise findet er deutliche Worte: „Miserabel.“ Es gehe nur noch um Schnelligkeit, die Qualität bleibe auf der Strecke. Früher waren Synchronsprecher ausgebildete Theaterschauspieler, heute könne jeder, der in einer Kneipe angesprochen wird, ans Mikrofon, so seine überspitzte Kritik.
Jean-Paul Belmondo war ein weiterer Gigant, den Brandt über Jahrzehnte begleitete. Rund 20 Filme sprach er für den Franzosen. Brandt schätzte an Belmondo den „Schalk im Nacken“, eine Eigenschaft, die er wohl auch bei sich selbst sieht. Die beiden trafen sich mehrfach in Paris oder Rom bei den Mischungen. Es war eine Beziehung auf Augenhöhe, geprägt von Respekt und Sympathie. Brandt betont, dass Belmondo und Tony Curtis ihm stimmlich und vom Typ her am besten lagen – sie waren ihm ähnlich. Franco Nero hingegen sei schwer zu synchronisieren gewesen, da er „viel dachte“ und diese innere Anspannung transportiert werden musste.
Neben seiner Arbeit als Sprecher und Autor war Brandt auch als Regisseur und Produzent tätig. Mit seiner eigenen Firma prägte er über 40 Jahre lang die Branche. Er erzählt stolz von den 36 „Goldenen Leinwänden“, die Filme unter seiner Bearbeitung gewannen. Oft kaufte der Verleihboss Horst Wendlandt große Filmpakete und sagte zu Brandt: „Der eine Film ist gut, aber die anderen sind Scheiße. Mach was draus!“ Und Brandt machte was draus. Er veredelte B-Movies mit seinem Witz und machte sie zu Kassenschlagern.
Einen Ausflug auf die Bühne unternahm die Legende dann doch noch persönlich. Im Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ spielte er den Minister für Staatssicherheit. Auch hier konnte er es nicht lassen, die Rolle seinen Vorstellungen anzupassen. Die historische Vorlage war ihm zu böse, zu eindimensional. Also schrieb er die Rolle um, persiflierte die Figur und begeisterte damit sogar Udo Lindenberg persönlich.

Wenn Rainer Brandt heute auf die Branche blickt, wünscht er sich vor allem eines: Dass man sich wieder auf die alten Tugenden besinnt. Auf das gemeinsame Spiel, auf die Qualität, auf den Mut zur Kreativität. Doch er ist Realist genug zu wissen, dass die Zeiten sich geändert haben. „Das geht heute nicht mehr“, resümiert er. Umso wertvoller sind die Werke, die er hinterlassen hat. Filme und Serien, die Generationen zum Lachen gebracht haben und die beweisen, dass Synchronisation eine Kunstform für sich sein kann – wenn man sie lässt.
Rainer Brandt ist ein Original, ein Mann, der das Herz auf der Zunge trägt und dessen Einfluss auf die deutsche Popkultur gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Seine Anekdoten sind nicht nur unterhaltsam, sie sind ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Sie erinnern uns daran, dass hinter den großen Stars auf der Leinwand oft geniale Köpfe im Hintergrund standen, die mit Wortwitz und Charme dafür sorgten, dass wir uns im Kinosessel köstlich amüsierten. Danke, Rainer, für die vielen Lacher und die unvergesslichen Sprüche.